Kindheit ohne Gott

Moderator Florian
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Der heutige Blogbeitrag von Nils Pickert:

Kindheit ohne Gott

Seinen religiösen Mitmenschen als Atheist Respekt entgegenzubringen, ist nicht immer leicht. Für Kinder ist es allerdings noch schwerer.

Mein Achtjähriger hat im nächsten Schuljahr Philosophie statt Religionsunterricht. Fast bin ich versucht zu sagen «Gott sei Dank!». Aber nur fast. Schliesslich bin ich Atheist. Also nicht so wie viele andere, die sich irgendwie noch einen folkloristischen Religionsrest bewahrt (Himmel, Weihnachten, Stossgebete), aber mit der Kirche sonst nicht viel am Hut haben, sondern so richtig. Trotzdem ist es mir ein Anliegen, mich religiösen Menschen gegenüber freundlich und verbindlich zu verhalten, ihre Ansichten nicht lächerlich zu machen und sie wenn möglich nicht zu verspotten. Ich sage «wenn möglich», weil mich religiöse Menschen immer wieder in Diskussionen über Gott und die Welt verwickeln, obwohl ich ihnen wieder und wieder sage, dass das wegen meines doch sehr akuten Atheismus wahrscheinlich keine so gute Idee ist. Das scheint sie allerdings nur noch mehr anzuspornen. Bekennende Atheisten, die offensiv darauf verzichten, anderen Menschen ihre selbstgewählte Gottlosigkeit ins Gesicht zu drücken, üben offenbar eine grosse Anziehungskraft auf Missionierungswillige aus. Also greife ich schliesslich doch zu meinem Arsenal an Gegenargumenten und mache mein Gegenüber darauf aufmerksam, dass er oder sie ja beinahe so atheistisch ist wie ich – ich bin schon eine Gottheit weiter. Darauf, dass mich ein brennender Busch nie so interessieren würde wie der Blick zum Sternenhimmel, dass die Religion die Moral nicht erfunden hat und dass mich das Konzept eines personalisierten Gottes abstösst.

Und weil ich mir bis zu diesem Zeitpunkt schon so allerhand anhören musste («Da fehlten meiner Tochter ein paar Tausend Euro für das Studium, dann habe ich gebetet und Zack! brachte mir ein Freund genau die Summe vorbei, die er mir ja noch schuldete, genau die Summe, das muss man sich mal vorstellen.»), werde ich dabei ziemlich sarkastisch («Schön, wenn man Beten besser drauf hat als 1,5 Millionen Tsunamiopfer, die um ihr Leben und das ihrer Familien gefleht haben.»). Problem ist nur: Emil schnappt das bruchstückhaft auf und verortet alles Religiöse immer mehr im Lächerlichen. Im Gegensatz zu seiner Schwester hat Emil stark atheistische Tendenzen (Ja, ich versuche das meinen Kindern freizustellen, obwohl ich selbstverständlich nicht frei von Einflussnahme bin.). Im Religionsunterricht fragt er, was denn der ganze Unsinn soll, wieso Gott sich so anstellt und nicht einfach seine Arbeit besser machen kann. In seinen Worten: «Gott ist nicht so cool, oder?! Was wollen die bloss alle mit dem?» Das ist das eine. Das andere ist, dass er die Kinder religiöser Eltern nicht mehr ernst nimmt. Und daran müssen wir dringend arbeiten. Vielleicht muss ich meinen Sarkasmus beschneiden und mir noch mehr angewöhnen, einfach zu lächeln und freundlich zu nicken. Auf jeden Fall müssen wir beide reden. Und zwar darüber, dass man Menschen nicht einfach für Idioten halten kann, nur weil sie sich einer Religion zugehörig fühlen. Atheismus, so sehr ich ihn auch schätze, masst sich im Umgang mit Gläubigen eine gewisse Überheblichkeit an. Selbstverständlich spiegelt diese nur die Überheblichkeit organsierter Religion wieder, die sie seit Jahrhunderten an den Tag legt. Aber davon wissen Kinder nichts. Sie spüren nur die Herablassung (Zugegeben: Eine Notwehrmassnahme, aber trotzdem!) und kopieren sie. Damit grenzen sie nicht nur andere aus, sondern auch sich selbst. Denn Emil wird immer von religiösen Menschen umgeben sein. Nette und weniger nette, ganz unabhängig davon, woran sie nun im Detail glauben. Die Chance, herauszufinden wer nett ist und wer nicht, sollte er sich nicht verbauen lassen.

Auch nicht von mir.

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Den Blog gibt es auf der Website unter http://www.wireltern.ch/artikel/blog-kindheit-ohne-gott
Blue64
Dabei seit: 20.08.2003
Beiträge: 1456
"Nils" schrieb:


Die Chance, herauszufinden wer nett ist und wer nicht, sollte er sich nicht verbauen lassen.

Auch nicht von mir.

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Den Blog gibt es auf der Website unter http://www.wireltern.ch/artikel/blog-kindheit-ohne-gott


Wie soll er, wenn er eine Seite gar nicht kennt?

Philosophie ist eine gute Sache - aber über Gott-Glauben-Hoffnung erfährt er da nichts. Nichts, das ihm hilft, über Gott-Glauben-Hoffnung s e i n e Entscheidung zu fällen

Erst muss ich das, wofür oder wogegen ich mich entscheiden soll/muss/darf erst kennen lernen.



[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 24.08.2015 um 11:36.]

Ich denke, also bin ich hier falsch !
RenaW
Dabei seit: 06.10.2005
Beiträge: 1792
Blue, genau aus dem Grund wo Du schreibst "müssen" meine Kinder in den kirchlichen Unterricht Kirche. Da hören (hörten) meine Kinder, von Aussenstehenden was über Glaube und Kirche und bekommen nicht nur die einseitige Meinung von meinem konfessionslosen Mann (früher römisch katholisch) und mir als reformierter Mutter mit. Was sie daraus machen ist ihre Sache.
Blue64
Dabei seit: 20.08.2003
Beiträge: 1456
linda-priska genau wie bei mir.

Unti und Erstkommunion war ein "Muss", jetzt hat mein Älterer (15 1/2) den Firmunterricht verweigert: 2 Jahre obligatorisch (Fehlstunden nicht erlaubt) und Firmung mit 17 - er wollte das nicht. Ich akzeptiere und weiss, dass er derzeit sich sehr viel Gedanken über Gott und Glauben macht, klar, er ist in der Pubertät und da hinterfragt man alles. Nun halte ich mich zurück, ich weiss, er hat alles, was mir wichtig war, gelernt und zum Teil gelebt, nun darf er selbst entscheiden.

Ich bin gespannt, wohin ihn sein Weg führt.

Ich denke, also bin ich hier falsch !
RenaW
Dabei seit: 06.10.2005
Beiträge: 1792
Blue, bei uns reformierten haben die Kids den Unti ja spätestens mit 16Jahren nach der Konfirmation durch. Meine ältere Tochter hat s mit eher mässiger Begeisterung hinter sich gebracht, da ist aber der Katechet auch nicht ganz unschuldig dran, ein eher spezieller Mensch (zum Glück hat er gekündigt). Sie hätte als Alternative mit der Pfarrerin eine Woche nach Taizé gekonnt, wollte sie aber nicht.
Meine jüngere Tochter hat bis und mit 8 Klasse nicht sehr viel Unterricht. In den nächsten zwei Schuljahren 4 bis 5 halbe Tage pro Schuljahr, in der 7 Klasse ein Lager über Auffahrt, in der 8 Klasse glaub 2x am Samstag ein Kurs und in der 9 Klasse konventioneller Unterricht mit der Katechetin oder eben mit der Pfarrerin nach Taizé (Änderungen vorbehalten). Na ja, auch ihre Begeisterung hält sich in Grenzen, gerade weil mein Mann immer etwas kritisch dagegen redet. Das ist aber auch der Grund, warum ich auch bei ihr will, dass sie das durchzieht, damit sie sich nicht nur nachdem richtet was wir zu Hause erzählen.
Blue64
Dabei seit: 20.08.2003
Beiträge: 1456
Ja, ganz genau - auch ich versuche, meine Kinder dazu zu bringen, eigenständig zu denken, zu hinterfragen und auch zu werten!





Ich denke, also bin ich hier falsch !
Vilu
Dabei seit: 18.07.2002
Beiträge: 2027
Das ist bei uns auch so. Nach der Erstkommunion unseres Sohnes sind mein Mann und ich aus der Kirche ausgetreten. Der Sohn hat das allerdings einige Jahre gar nicht mitbekommen - wir waren schon vorher keine Kirchgänger. Er hat aber nach wie vor den Religionsunterreicht besucht, mit Ausnahme eines Schuljahres. Da war aber auch die Lehrperson eine Katastrophe, hat vom Teufel und was weiss ich geredet. Jedenfalls ist eins nach dem anderen gar nicht mehr in den Religionsunterreicht gegangen. Als die Lehrperson das Jahr danach gewechselt hat, wollte Junior von sich aus wieder hingehen und schauen, ob es besser ist, und ist dann auch wieder geblieben.

Ich finde es auch wichtig, das Thema Religion und Gott nicht kategorisch zu verschweigen, auch wenn man selber keiner Religion zugehört. Es gehört zum Leben, sich auch über diese Themen Gedanken zu machen. Glauben / nicht glauben kommt bei unserem Sohn ab und zu mal auf, nach dem Tod vom Grossmami zum Beispiel. Dann sollte man es nicht einfach "abwinken" sondern das Kind ernst nehmen und offen sein für seine Gedanken, Fragen und Zweifel.

Leben und leben lassen
anna_stesia
Dabei seit: 25.10.2007
Beiträge: 2623
man kann einem kind nie alle glaubensformen mit auf den weg geben damit sie irgendwann mal entscheiden können. man kann nur das mitgeben was man selber weiss und was man selber fühlt und denkt. da wir gott-und-kirchen-frei leben können wir auch nicht viel mitgeben in der hinsicht. zumal ich selber schon so aufgewachsen bin. selber hab ich in der schule den religionsunterricht besucht, da sind so die standardgeschichten hängengeblieben, mehr nicht.
hier hat die schule selber keinen religionsunterricht. dieser unterricht wird von der jeweiligen kirche (katholisch oder reformiert) durchgeführt. und wer nicht getauft ist, somit nicht der kirche zugehörig, wird gar nicht erst für den unterricht aufgeboten. (was ich im übrigen auch richtig finde).

so muss man halt in jeder familienkonstellation schauen was man den kindern mitgibt. persönlich finde ich es wichtig, fragen so gut und genau wie möglich und so wertfrei wie möglich zu beantworten.

doof bleibt doof, da helfen keine pillen.
GabrielaA
Dabei seit: 18.10.2002
Beiträge: 5638
Wir haben unsere Kinder (katholisch) getauft und im frühen Kindesalter lebte oder zelebrierte ich mit ihnen den Glauben auf spielerische Art. So besuchten wir 1 mal monatlich den "Krabbel-Gottesdienst", der immer sehr schön gestaltet war. Dieser war jedoch von der reformierten Kirche aus organisiert.

Im Schulalter kam der Religionsunterricht dazu. Im Schuljahr nach der Erstkommunion besuchte der ältere Sohn den Rel.Unterricht nicht mehr, dies wegen einer ungeheurlichen Anschuldigen der Katachetin. Ab der 5.Klasse wurde der Rel.Unti. in Blockunterricht angeboten, dies weil es nicht mehr in den Stundeplan passte (Blockzeiten an der Schule). In der OS besuchte er nur noch sporadisch, aber freiwillig den Unterricht plus die Jugendprojekte.

Inzwischen hat er oder wird er mit dem Firmvorbereitunskurs beginnen. Hier leider wird erst mit 18 gefirmt, was ich total Blödsinn finde. Ein Jahr verschieben möchte er nicht, denn dann ist er Mitten in der LAP.

Der jüngere Sohn geht nicht hier zur Schule und besuchte ab und zu den Rel.Unti in der Primarschule, auch wegen der EK. Nun in der OS haben sie nur ein paar Samstage im Jahr Blockunterricht und die Jugendprojekte, die meistens total cool sind und frei gewählt werden können: Skitag, Workshop, Bazar, Kletterhalle.

Mir war es wichtig, dass unsere Kinder mit einem Glauben aufwachsen.

In der Schule wurde vor ein paar Jahren der obligatorische Ethik und Religionsunterricht eingeführt. Der ist für alle, ob Christen, Moslem, Juden oder Nichtgläubige. Dort erfuhren sie eben auch über andere Glaubensrichtungen, deren Rituale, etc. Ebenfalls konnten Schüler von anderen Glauben etwas über ihre kirchlichen Feste erzählen, was mich ganz toll dünkte.
Blue64
Dabei seit: 20.08.2003
Beiträge: 1456
anna-stesia, ich glaube, du missverstehst mich: mir geht es nicht darum, dass meine Kinder schon j e t z t unter all den Religionen die für sie richtige herausfinden, sondern dass sie erfahren und hören und fühlen und lernen, DASS es Glauben und Religion gibt, DASS es diese in vielen Farben und Variationen gibt. Und sie dann zu allererst für sich entscheiden können, ob Religion und Glaube überhaupt etwas für sie ist. Und wenn ja, DANN erst sollen und können sie sich mit den verschiedenen Religionen auseinander setzen und die für sie am besten lebbare herausfiltern - oder eben keine!

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 25.08.2015 um 14:00.]

Ich denke, also bin ich hier falsch !