Leistungsdruck Schule/Lehre und Kinder als "Vorzeigeobjekt"

RenaW
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Zu dritt hatten wir gestern eine Diskussion über Leistungsdruck in der Schule und Lehre. Es war eine gute Diskussion. Nur ich überlege mir grad, was mache (machte) ich "falsch".
Meine ältere Tochter war eine durchschnittliche Schülerin, mit ihren Stärken und Schwächen, mit Mathe stand sie auf Kriegsfuss, hatte aber immerhin immer genügende Noten im Zeugnis, sie hat die Realstufe besucht und hat nun die Lehre als Detailhandelsassistentin angefangen, ist der Notendurchschnitt 5 oder besser, kann sie in die EFZ Ausbildung "wechseln". Sie ist jemand, wo gleich dicht macht wenn der Druck zu gross wird.
Die jüngere Tochter ist in der 5 Primarklasse, ein kleiner Chaot, hat aber druchschnittlich gute Noten. Sie wird sehr temparamentvoll wenn der Druck zu gross wird, da fliegt schon mal eine Tür.
Die jüngere geht 1x die Woche in die Mädchenriege und 1x ins Plauschgeräteturnen (ist Geräteturnen, ohne Wettkampftraining).
Die ältere Tochter macht Aikido, wobei das momentan etwas schwierig ist mit dem Training, da sie an den Tagen meist spät heim kommt, müde ist und am nächsten Tag wieder arbeiten muss.

Grundsätzlich bin ja auch der Meinung, das die Kinder für die Schule/Lehre arbeiten müssen, von nichts kommt nichts. Wenn noch ein Hobby dazu kommt wo die Kinder gut sind, ist das auch eine schöne Sache.
Ich merke aber auch, dass ich meine Kinder nicht so sehr unter Druck setzten kann, damit noch mehr Leistung kommt. Sie reagieren beide auf ihre Art sensibel auf den Druck, so das es grad kontraproduktiv ist.

Ich frage mich bei einigen Eltern, wie bringen die ihre Kinder soweit, 2x wöchentlich ins Geräteturnen inkl. Wettkämpfe am WE zu schicken, 1x Reiten, 1x Gitarrenunterricht, zu Hause wird mit den Kindern "gebüffelt" für die Schule.
Oder die Mutter wo einfach ihr Ding druchzieht und sich dann für die Kinder interessiert wenn die gute Leistungen in der Schule und Sport bringen.
Bin ich einfach "zu faul", meinen Kindern ständig Druck aufzusetzten? Sind meine Kinder einfach zu "störisch", zu "dumm", auch zu "faul", zu "sensibel"? Oder haben die anderen Familien einfach Glück gehabt? Oder bin ich einfach neidisch, weil es bei anderen scheinbar so einfach läuft und bei uns es manchmal eben nicht?

Natürlich bin ich stolz wenn meine Kinder gute Noten bringen von der (Berufs-) Schule, die Lehre und das Hobby Spass machen. Nur sollen sie nicht meine Träume leben müssen oder als Vorzeigeobjekte her halten ("seht her, meine wohlerzogenen und erfolgreichen Kinder, die haben das erreicht was ich nicht geschafft habe"icon_wink.gif

[Dieser Beitrag wurde 2mal bearbeitet, zuletzt am 13.11.2015 um 08:44.]
Vilu
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Meiner Ansicht nach üben einige Eltern nicht nur Druck auf die Kinder sondern auch auf sich selber aus. Mein Sohn (3. Sek. A) hat sehr viele Tests und auch immer viele Hausaufgaben. Das Leichtathletik-Training ist ihm aber auch wichtig, Schlagzeug hat er nach der 1. Sek. aufgegeben, weil er keinen Spass mehr daran hatte.

Bei ihm ist es so, dass er - möglichst prüfungsfrei - die Aufnahme an die Fachmittelschule schaffen möchte. Das heisst, er muss im nächsten Zeugnis in allen Hauptfächern mindestens die Note 4.5 erreichen.
Dafür muss er aber sehr viel lernen. Als Kompromiss geht er zurzeit "nur" 1x pro Woche ins Training anstatt 2x und zwar am Freitag Abend. Das ist natürlich perfekt, weil ja am Samstag schulfrei ist.
Die Wettkämpfe (Wochenenden) hat er für dieses Schuljahr alle abgesagt. Wenn er im nächsten Semester etwas weniger Lernstress hat, geht er evtl. wieder 2x ins Training. Das überlasse ich ihm selber. Er möchte ja auch noch Zeit haben, um mit den Kollegen etwas zu unternehmen.

Da ich es selber nicht mag, wenn mein Kalender so zugepflastert ist, habe ich ihn auch nie zu einem vollen Programm gedrängt. Nur um bei anderen "anzugeben" schon gar nicht. Ich mache bei diesem Wettbewerb "wer hat das tollste, klügste und schönste Kind" nicht mit. Erstens wäre mir das zu anstrengend und zweitens haben wir doch sowieso alle das tollste Kind icon_lol.gif.

Was er von sich aus jedoch wenn immer möglichst mitmacht, ist die Herbstsportwoche in den Herbstferien und eine Woche Berlitz-Sprachcamp in den Sommerferien.

Mir ist wichtiger, dass er auch ab und zu in die Natur rauskommt und Dinge unternimmt, die der Erholung dienen.

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 13.11.2015 um 09:46.]

Leben und leben lassen
RenaW
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Ich möchte diesen Wettbewerb eben auch nicht mitmachen. Gerade weil ich auch weiss, das nicht alle Kinder gleich "leistungsfähig" sind, die psychologische Seite kommt meines Erachtens dazu. Trotzdem ertappe ich mich eben manchmal bei oben erwähnten Gedanken, was ich dann eben auch doof finde weil ich kann mich doch über das freuen was tatsächlich ist. Die Wunschgedanken ändern eh nichts.
Vilu
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Ja, linda-priska, das ist es eben. Wir freuen uns oft viel zu wenig bzw. schätzen das zu wenig, was wir haben. Oft ist es noch so, dass jene die viel haben, immer mehr möchten und jene, die nicht so viel haben, auch bescheidener und mit weniger glücklich sind.

Ich habe eine Familie, mein Kind ist gesund, es kommt in der Schule mit, meine Eltern haben ihre schweren Erkrankungen überstanden, wir haben ein gemütliches Zuhause und können ab und zu in die Ferien. Nun könnte ich auch aufzählen, was ich NICHT habe, aber das führt nur zu Unzufriedenheit. Daher denke ich lieber an DAS was ich habe.

Wenn ich sehe, wie sich unsere Nachbarn dauernd gegenseitig "übertrumpfen" müssen betreffen Gartengestaltung, Teichen, teuren Fischen, Autos und bald wieder einer unglaublichen (für mich eher unglaublich kitschigen) Weihnachtsbeleuchtung... Ach herrje, da kann ich ja nur schmunzeln und meine 3 tollen beleuchteten Papiersterne ans Fenster hängen icon_smile.gif. Und ich bin ja so froh, dass mich dieser Konkurrenzkampf einfach gar nicht interessiert!

War jetzt nicht grad zum Thema, aber hier fängt es für mich an, die ganze "Vorzeige-Kinder"-Sache. Immer mehr und mehr, auch betreffend Kinder...

Leben und leben lassen
Blue64
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linda-priska, ich kenne diese Gedanken, wie oft dachte ich, ich hab' die dümmsten und unfähigsten Kinder.

Aber ich bin ja lernfähig icon_smile.gif ...

Naja, es gibt immer Luft nach oben, aber immer seltener orientiere ich mich daran, was andere für tolle Kinder habe.
Aber ich habe sie auch nie einfach selbst machen lassen. Je älter, je mehr - aber ihnen schon den Weg gezeigt, der gut ist.

WAS ich ihnen immer wieder klar mache: was sind ihre Stärken und die "Weisung" sich nie mit weniger zufrieden zu geben.

Ich denke, also bin ich hier falsch !
Vilu
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Da kommt mir grad noch ein Leichtathletik-Wettkampf in den Sinn. Die Kids waren so um 13 jährig. Beim Weitsprung sass ich im Rasen, ein paar Meter vom Sand weg. Da standen ein paar Eltern, v.a. Väter hinter mir.
Sie haben die Leistungen ihrer eigenen Kinder so hart kritisiert, das tat mir richtig weh. Haben an den Sprungtechniken rumgemurrt und betreffend Resultaten gemotzt... Dabei sollten die Kinder und Jugendlichen doch vor allem SPASS am Sport haben dürfen! Mein Sohn ist nie einer der wirklich Guten im Wettkampf, erstens ist er meistens der Jüngste seiner Kategorie weil er leider ein paar Tage zu früh geboren wurde und Ende Dezember Geburtstag hat, somit sind einige bis ein Jahr älter. Zudem ist er eher klein und "spät" dran betreffend Entwicklung/Pubertät, ist sozusagen als Kind mit "Beinahe-Männern" angetreten, die gut einen Kopf grösser sind / waren. Das war ihm klar und er genoss einfach das ganze Wettkampf-Ambiente, anstatt sich zu ärgern, dass er bestenfalls Mittelmass war.

Ich bin sehr froh, dass er das so sieht. Schön, dass er mitmacht, sich bewegt, sich auch anstrengt und sein Möglichstes gibt. Sich aber nicht entmutigen lässt, weil er nicht zu den Guten gehört. Leistungsdruck hat er in der Schule ja schon genug.

Die "sportliche Bestätigung" holt er sich dann wieder in den Skischul-Rennen icon_biggrin.gif.



Leben und leben lassen
RenaW
ThemenerstellerIn
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@Blue, ich finds eben auch für mich wichtig, diese Lernfähigkeit zu habenicon_wink.gif. Ich lasse meine Kinder auch nicht einfach selber machen, wär auch nicht gut. Ich merke einfach auch, das ich mit Daumenschrauben anziehen auch kontraproduktiv ist.


@Vilu, was muss das für ein Stress sein, immer zu schauen was haben die Nachbarn. Ich find z.B. gewisse Gärten auch schön, gönne es aber dem jeweiligen Gartenbesitzer. Das gleiche mit der Einrichtung oder was auch immer. Schön finden kann man vieles, trotzdem muss ich nicht alles haben.
Blue64
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"linda-priska" schrieb:

@Blue, ich finds eben auch für mich wichtig, diese Lernfähigkeit zu habenicon_wink.gif. Ich lasse meine Kinder auch nicht einfach selber machen, wär auch nicht gut. Ich merke einfach auch, das ich mit Daumenschrauben anziehen auch kontraproduktiv ist.


icon_wink.gif Genau das ist ja das Harte am Elternjob: immer den guten Mittelweg zu finden!

Ich persönlich weiss durch meine Kindheit und Jugendzeit halt nur, wie ich es für meine Kinder nicht will ...

Ob ich alles gut gemacht habe, keine Ahnung, ich werd's eventuell erst in Jahren hören, dann, wenn meine Jungs selbst Eltern sind! icon_wink.gif



Ich denke, also bin ich hier falsch !
RenaW
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Ich find das ganz wichtig: zugeben können, das man als Eltern nicht weiss, ob das alles tatsächlich richtig ist was man den Kindern weiter gibt.
second2
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"Blue64" schrieb:


icon_wink.gif Genau das ist ja das Harte am Elternjob: immer den guten Mittelweg zu finden!

Ich persönlich weiss durch meine Kindheit und Jugendzeit halt nur, wie ich es für meine Kinder nicht will ...

Ob ich alles gut gemacht habe, keine Ahnung, ich werd's eventuell erst in Jahren hören, dann, wenn meine Jungs selbst Eltern sind! icon_wink.gif




Sehr gut geschrieben blue64!! Mir geht es genau so. Ich weiss bei gewissen Dingen, wie es meine Eltern gemacht haben, und dass ich es sicher nicht so für meine Kinder will. Also auf keinen Fall die selbst erlebten Fehler an den eigenen Kindern wieder reproduzieren! Ob hingegen meine "andere" Art wirklich besser ist, wird sich erst auf die Dauer zeigen.

Und zum Einganstext von linda-priska denke ich, kommt es halt schon vor allem drauf an, ob die Kinder/Jugendlichen so ein vollgestopftes Programm wirklich möchten und es dann auch bewältigen, oder ob das Programm eben von den Eltern zusammengestellt ist und eher die nicht verwirklichten Träume der Eltern darstellt.

Aus unserer Erfahrung kann ich nur sagen, dass wenn ein Kind/Jugendlicher etwas wirklich will, dann ist er/sie zu seeeehr viel fähig.

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 13.11.2015 um 14:07.]

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