Strafe muss sein

Moderatorin Hanna
ThemenerstellerIn
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Blog von Nils Pickert am 14. September 2015
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Kinder, die sich nicht benehmen können, sollten kriegen, was sie verdienen. Was könnte das wohl sein?

Letzte Woche ist es mir nach langer Zeit wieder einmal passiert, dass mir Erziehungsmethoden anderer Eltern vorgeführt wurden, die ich so einfach nicht akzeptieren oder auch nur nachvollziehen kann. Gewöhnlich halte ich Erziehung für ein weites Feld, in dem man sich, auch angesichts der Tatsache, dass man selbst die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen hat, mit Urteilen zurück halten sollte. Aber manchmal passieren Sachen, die diese Maxime ausser Kraft setzen. So will mir beispielsweise nicht in den Kopf, wieso man seinen Kindern etwas ankündigt, das man auf gar keinen Fall einlösen kann. «Wenn du nicht augenblicklich still bist, dreht der Pilot um.» ist so eine Ansage. Oder auch alle Versionen von «Dann geh ich eben ohne dich!». Was soll ein Kind daraus lernen?

In besagtem Fall schrie ein Elternpaar auf einen Jungen ein, der mit einem Einkaufswagen über den Parkplatz gerast war und dabei fast ein Auto gerammt hätte. Gut, war tatsächlich uncool von ihm. Aber die anschliessende Schimpftirade («Idiot, Wahnsinniger»), das Fragenbombardement, auf das er nicht antworten durfte, und die Drohungen («Warte, bis wir Zuhause sind!»), ging viel zu weit. Wieso glauben Eltern, so etwas tun zu dürfen oder sogar zu müssen? Ja, sie sind erziehungsberechtigt, ja, sie sind bis zu einem gewissen Punkt für das Benehmen ihrer Kinder verantwortlich. Und JA, Kinder bauen gelegentlich richtig Scheisse. Das machen allerdings alle Menschen hin und wieder. Und wir benehmen uns auch manchmal in einer Art und Weise, die anderen Menschen grundlos oder zu Recht peinlich ist. Aber wir würden auf gar keinen Fall hinnehmen, dass mit uns so umgegangen wird, wie es Kinder oft erleben müssen. Dass Eltern darauf bestehen, ihren Kindern gegenüber in jeder Situation die Erziehungsberechtigten raushängen zu lassen, mag ja noch angehen. Auch wenn mir das persönlich ein viel zu distanziertes Verhältnis zu meinen Kindern wäre, ist Erziehung, wie eingangs bemerkt, ein weites Feld. Wenn aber jede elterliche Entscheidung – egal wie absurd sie sein mag – grundsätzlich gewichtiger ist als jede kindliche, dann spiegelt das ein Machtgefälle wieder, das mit familiärer Verantwortung füreinander nichts mehr zu tun hat. Dann altersdiskriminieren wir unseren Nachwuchs und nennen es Kindheit. Oft sogar ohne es zu bemerken. In diesem Machtgefälle werden Fehler zu pathologischem Fehlverhalten verzerrt und haben als solches keine Konsequenzen, sondern werden bestraft.

Selbstverständlich ist es verführerisch, genau dieses Machtgefälle im Alltag mit Kindern herzustellen, damit man von der Höhe elterlicher Autorität handeln kann. Es scheint ein Leichtes, durch Bestrafungen die Ordnung wieder herzustellen. Wenn die Kleinen mal wieder nicht hören wollen. Wenn alles zu lange dauert, sie nerven, am Essen rumnölen, ein Ball ins Fenster werfen, fluchen, schreien und sich alles hinterher tragen lassen. Wenn sie mit einem Einkaufswagen fast ein Auto rammen. Es ist aber auch unfassbar respektlos ihnen gegenüber.
Wir verdienen nicht den Gehorsam unserer Kinder. Sie verdienen unseren Respekt.

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Du kannst den Blog auch online lesen unter: http://www.wireltern.ch/artikel/blog-strafe-muss-sein
Blue64
Dabei seit: 20.08.2003
Beiträge: 1456
"Moderatorin Hanna" schrieb:

Blog von Nils Pickert am 14. September 2015
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Kinder, die sich nicht benehmen können, sollten kriegen, was sie verdienen. Was könnte das wohl sein?

Es ist aber auch unfassbar respektlos ihnen gegenüber.
Wir verdienen nicht den Gehorsam unserer Kinder. Sie verdienen unseren Respekt.

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Tja, gut gedacht, gut geschrieben - n u r: was erwartest du in einem Land, in dem fast 40 Prozent aller ein- bis vierjährigen Kinder in der Schweiz jede Woche körperlich bestraft werden. Ohrfeigen sind hierzulande nicht verboten. Zwar wurde das elterliche Züchtigungsrecht 1978 aus dem Zivilgesetzbuch gestrichen. Doch es gibt keine explizite gesetzliche Vorschrift, welche die Anwendung von Gewalt zu Erziehungszwecken untersagt. Eine Ohrfeige ist gemäss Bundesgericht eine Tätlichkeit – und eine solche wird nur geahndet, wenn sie wiederholt begangen wird.

Und dann gibt es eine Chantal Galladé, die einen Vorstoss eingereicht hat, in dem sie fordert, dass die Gesetzgebung anzupassen sei - bloss argumentiert sie dann: "Ich will die Eltern nicht ins Gefängnis stecken, wenn ihnen einmal eine Hand a u s r u t s c h t . Stattdessen sollten sie in solchen Fällen familiäre Unterstützung erhalten."

Mein Gott, kapieren es die Erwachsenen immer noch nicht? Eine Hand rutscht nicht einfach aus!!!! Das allein ist bereits eine Beleidigung und Respektlosigkeit den Kindern gegenüber!

Und dann möchtest du, Nils, mit einem - zugegebenermassen wirklich eindrücklich formulierten - Blogbeitrag erreichen, dass Eltern sich respektvoller ihren Kindern gegenüber benehmen?

Veni - Vidi -Misi


Ich denke, also bin ich hier falsch !
philosophia
Dabei seit: 01.02.2004
Beiträge: 232
Ich bin der Meinung, dass wir vor allem als Vorbilder auf unsere Kinder wirken. Und wenn wir Ihnen Vorleben, dass Drohungen, Strafen oder gar Ohrfeigen Konflikte lösen sollen, so lernen sie diese Art der Konfliktlösung aufgrund unseres Benehmens. Bei einem Konflikt, könnte man mit dem Gegenüber herausfinden, warum er gerade nicht so will, wie man selbst. Man kann vielleicht sogar dafür Verständnis aufbringen (Langeweile, Spass, Bewegungsdrang, etc) Man kann erklären, warum man das Verhalten (Autos zu schrammen) nicht akzeptieren will (Kosten, Stress mit Autobesitzer, Anzeige, etc)
In der Regel wollen Kinder den Stress der Eltern nicht absichtlich erhöhen. Ich denke man unterschätzt meistens, deren Fähigkeit zur Einsicht und Verständnis. Sie haben einfach viel mehr im Blick, was grad Spass macht und fäggt. Was vernünftig oder angenehm für die Erwachsenen ist, liegt weniger in ihrem Fokus.
Strafe lehrt doch höchstens Angst. Sie machen es dann halt, wenn die Eltern nicht da sind. Die Kinder aber müssen lernen, dass gewisse Verhaltensweisen für andere unangenehm sind, und die Leute dann darauf (mitunter recht unfreundlich) reagieren. Und dass wir als Erwachsene halt nicht immer Lust dazu haben diese Kohlen aus dem Feuer zu holen. Es gibt aber Situationen, da bleibt keine Zeit für Erklärungen. Da muss sofort gehandelt werden. Wenn man wirklich einmal überreagiert hat, sollte man sich für die falsche Art und Weise der Reaktion bei den Kindern entschuldigen. Wir sind ja alle nur Menschen. Ich hatte meinen Sohn jeweils vorgewarnt, wenn meine Nerven drohten durchzugehen. Dann zog er sich zurück, machte einen Witz oder bot mir einen Beruhigungstee an icon_biggrin.gif Der Punkt ist, dass meine Nerven es nicht mehr schaffen und nicht: du Kind bist an meiner Wut schuldig!!
kenway
Dabei seit: 29.10.2014
Beiträge: 4
"Blue64" schrieb:


Mein Gott, kapieren es die Erwachsenen immer noch nicht? Eine Hand rutscht nicht einfach aus!!!! Das allein ist bereits eine Beleidigung und Respektlosigkeit den Kindern gegenüber!



Irgendwoher kommen ja deine genannten 40%. Nun siehst du das entweder zu eng oder diese Eltern sind tatsächlich alle respektlos und beleidigend ihren Kindern gegenüber.
Blue64
Dabei seit: 20.08.2003
Beiträge: 1456
kenway, es sind doch nicht "meine" 40 %, diese Zahl stammt aus einem Beitrag im Tagesanzeiger von Donnerstag, dem 18.06.2015.

Und ja, eine Ohrfeige IST respektlos, aber auch dieses verharmlosende Wort "ausrutschen", als könne man als Erwachsener nichts dafür!




Ich denke, also bin ich hier falsch !
GabrielaA
Dabei seit: 18.10.2002
Beiträge: 5615
Ich dachte jetzt, es sei strafbar, sein Kind zu schlagen. Da lese ich immer wieder von Eltern, die eine Strafe erhalten, weil sie ihr Kind (in der Öffentlichkeit) geschlagen haben. Nicht lange her, da war ein Fall eines Familienvaters publik gemacht worden, weil er seinem Sohn vor der Schule eine Ohrfeige verpasst hat. Der Sohn hätte sehr unanständige Wörter gesagt, da wäre der Vater wütend geworden.

Aber dass 40% aller ein- bis vierjährigen Kinder in der Schweiz jede Woche körperlich bestraft werden, das dünkt mich jetzt gar viel. Wie kommt der Tagi auf diese Zahlen? Führen Eltern Buch oder erzählen sie den Journalisten, dass sie ihr Kind mindestens einmal wöchtenlich schlagen?

Schlimm finde ich auch, dass es fast unmöglich ist, seelische Gewalt zu erkennen. Wenn Eltern ihrem Kind immer wieder zu verstehen geben, dass sie es eigentlich gar nicht wollten und wegen ihm auf vieles verzichten müssen, es eine Last ist, etc. ist das nicht strafbar. Solange sie ihren Pflichten nachgehen, ist das noch kein Verbrechen. Was aber einem Kind somit angetan wird, das ist schlimm.
Blue64
Dabei seit: 20.08.2003
Beiträge: 1456
GabrielaA - aus http://www.humanrights.ch/de/menschenrechte-schweiz/inneres/gruppen/kinder/zuechtigungsverbot-schweiz


"Gewalt in der Kindererziehung ist in der Schweiz nicht explizit verboten. Dies trotz internationaler Verpflichtungen und Modellsystemen in anderen Ländern wie etwa Deutschland oder Schweden. Das Schweizer Parlament lehnte ein Verbot der Gewaltanwendung in der Erziehung letztmals 2008 ab. Seither herrscht mehr oder weniger Stillstand in diesem Themenbereich.
Im Juni 2014 hat die Global Initiative to End All Corparal Punishment of Children eine Studie veröffentlicht, welche die weltweiten Bemühungen zum kompletten Verbot von Körperstrafen an Minderjährigen aufzeigt. Es zeigt sich, dass neben der Schweiz in Westeuropa nur Belgien und Italien keine Schritte zu einem generellen Verbot solcher Strafen unternehmen wollen. "

Ich denke, also bin ich hier falsch !
lirumlarum122
Dabei seit: 18.09.2013
Beiträge: 205
Nein, die Hand sollte uns nicht ausrutschen. Definitiv nicht. Wenn mein Kind aber "Scheisse" (nicht meine Formulierung) gebaut hat, nehme ich mir das Recht heraus, authentisch (also laut) zu reagieren, egal was andere allenfalls mithörende Bessereltern darüber denken.
goodie
Dabei seit: 12.11.2011
Beiträge: 3386
Österreich hat seit rund 26 Jahren eine Gewaltfreie Erziehung im Gesetz verankert, der prozentuale Anteil der schlagenden Eltern sind aber nicht geringer als hierzulande. Schlimm finde ich, dass im Schnitt bloss ca. 58% der Eltern überhaupt wissen dass das im Gesetz verankert ist. Die Studie hat ergeben dass im 2014 immer noch 52% der Eltern es richtig oder teilweise richtig empfinden ein Klaps auf den Po schadet dem Kind nicht!!

http://www.kinderrechte.gv.at/wp-content/uploads/2014/11/Gewaltfreie-Kindheit_WEB.pdf





„Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg."

Mahatma Gandhi
Blue64
Dabei seit: 20.08.2003
Beiträge: 1456
goodie, in der Schweiz ist noch nix im Gesetz verankert und ich weiss ja nicht, WAS du gelesen hast, aber ich erkenne in deinem Link ganz andere Zahlen als in der Schweiz!

Siehe Frage 5 / 11 / 12 / 16 / 21

Diese Feagestellungen lassen sich am besten mit dem Thema hier vergleichen!




Ich denke, also bin ich hier falsch !