Vom Luxus des Keifens

Moderator Florian
ThemenerstellerIn
Dabei seit: 11.05.2015
Beiträge: 67
Blog von Ümit Yoker vom 11. September 2015
----------------------------------------------------------------------

Vom Luxus des Keifens

Würden wir am liebsten auch Mutterliebe handlich in ein paar Buchstaben und Zahlen fassen?

Formeln sind eine tolle Sache. Knackig. Kurz. a2 + b2 = c2. Im rechtwinkligen Dreieck des Pythagoras ist die Welt noch in Ordnung, da kann alles andere im Chaos versinken. An seinen beiden Katheten können wir uns auch dann festhalten, wenn die Unberechenbarkeit des Lebens uns wieder einmal fortzuschwemmen droht.

Manchmal beschleicht mich aber das Gefühl, dass wir auch Ausmass und Tiefe der Mutterliebe gerne griffig mit ein paar Buchstaben und Zahlen bestimmen würden. Denn: Dass wir selbst tolle Mütter sind, wissen wir natürlich. Schliesslich ist von allen möglichen Varianten des Familienlebens gerade unsere die beste fürs Kind, für unseres im Speziellen, aber, wenn mans recht bedenkt, eigentlich für alle Kinder dieser Welt. Was für ein Zufall aber auch, dass gerade wir das Glück hatten, intuitiv alles richtig zu machen, oder? Unsere eigene Liebe zu den Kindern müssen wir also nicht mehr berechnen. Aber was ist mit all den anderen Müttern, insbesondere denjenigen, die in der Migros manchmal einen Becher abgepacktes Apfelmus für ihre Kleinen kaufen anstatt dieses am heimischen Herd liebevoll summend zuzubereiten?

Man behelfe sich zum Beispiel mit einer einfachen Gleichung: Die Grösse der Mutterliebe (M) als Differenz der in Prozentzahlen ausgedrückten Zeit, die ich zu Hause (H) mit meinen Kindern verbringe, und der Zeit, in der ich anderswo einer bezahlten Arbeit (A) nachgehe. H – A = M. Simpel. Gehe ich also einen Tag pro Woche ins Büro, liebe ich meine Kinder immerhin noch zu vier Fünfteln so sehr, wie ich sie eigentlich lieben könnte. Mit einer Halbtagesstelle ist es mir dann leider schon ziemlich egal, wenn meine Tochter sich das Knie aufschürft, und danach geht es nur noch abwärts. Was wohl im Herzen einer Mutter mit einem Vollzeitjob vorgeht? Bei minus 100 Prozent Mutterliebe? Mein Gott, das wollen wir lieber gar nicht wissen, oder?

Das Lustige daran: Es haben längst nicht alle Mütter eine Wahl. In den eineinhalb Jahren, in denen ich inzwischen in Portugal lebe, habe ich genau eine einzige Hausfrau kennengelernt. Ihr Mann schenkt ihr regelmässig neue Häuser. Stay-at-home Mom und Teilzeitstellen sind Fremdwörter und selbst wenn sie im Vokabular von Arbeitgebern und Politikern existierten, könnten die meisten Mütter und Väter keinen Gebrauch davon machen, denn die finanzielle Einbusse wäre zu gross. Aber anstatt in der Schweiz auch einmal den Umstand zu feiern, dass wir unser Familien- und Arbeitsleben deutlich selbstbestimmter gestalten können als anderseits und anderswo, begegnen wir jeder Frau, die es anders macht als wir, mit Misstrauen. Anstatt die Solidarität unter Mamis, dieses ausgedörrte Pflänzchen, zu pflegen, wettern wir lieber lauthals in Internetforen und Kommentarspalten übereinander oder verurteilen bei zufälligen Begegnungen auf dem Spielplatz ganz leise: Schlussändlich muess das natürlich jedi Mutter sälber wüsse. Ich meine ja nur, weisch, es wär sicher guet für d Chind. Hey, isch nume e Frag gsi. Klar. Den Luxus dieses Gekeifes können sich andere Mütter schlicht nicht leisten.

___

Den Blog findest du online auch unter
http://www.wireltern.ch/artikel/blog-vom-luxus-des-keifens

Blue64
Dabei seit: 20.08.2003
Beiträge: 1456
Zitat: ".... begegnen wir jeder Frau, die es anders macht als wir, mit Misstrauen. Anstatt die Solidarität unter Mamis, dieses ausgedörrte Pflänzchen, zu pflegen, wettern wir lieber lauthals in Internetforen und Kommentarspalten übereinander oder verurteilen bei zufälligen Begegnungen auf dem Spielplatz ganz leise: ....."

So, ich habe lange nachgedacht, ob ich darauf überhaupt etwas antworten soll ..... ja, sollte ich, d e n n:

ICH - und viele andere, wenn ich die Beiträge im Wir-Eltern-Forum lese - habe nichts gegen Mütter, die es anders machen, aber ich habe was gegen Mütter, die ihr Anders-sein werten und bewerten! Die sich und ihr Tun als das Non-Plus-Ultra hinstellen, à la "Nur wer mindestens 100% arbeitet und gleichzeitig die Kinder grosszieht und gleichzeitig auch noch die halbe Verwandtschaft pflegt und noch jeden Monat ein Love-Wochenende mit dem "selbst-gewählten-und-nicht-vom-Glück-beschiedenen" Göttergatten verbring, ist modern!

Und mit solchen "Ich-kann-alles"-Frauen will ich mich sicher nicht solidarisieren: schon Napoleon scheiterte daran, mehrere Dinge gleichzeitig zu 100% machen zu wollen. Irgendetwas, schlimmer noch irgendjemand, bleibt dabei immer auf der Strecke.

Da hilft auch kein erhobener Zeigefinger "Woanders geht es den Frauen viel schlechter!" - oh ja, tut es - aber woanders geht es den Frauen sogar besser!

Und überhaupt: wieso soll ich mich mit anderen Müttern solidarisieren?

Solidarität - laut Wikipedia: "Sie drückt ferner den Zusammenhalt zwischen gleichgesinnten oder gleichgestellten Individuen und Gruppen und den Einsatz für gemeinsame Werte aus.
Nun: meine Werte liegen mit Sicherheit nicht bei Ich-kann-alles-Frauen, nicht bei Mein-Körper-gehört-mir-Frauen, etc., eben nicht dort, wo ein Entweder-Oder propagiert wird anstatt eines Sowohl-Als auch!


Ich strebte und strebe nicht nach Solidarität, aber nach Freundschaften. Die sind in meinem Leben wichtig und die sind es, in denen ich ehrlichen und aufrichtigen Austausch erfahre, ohne erhobenen Zeigefinger!



[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 13.09.2015 um 13:12.]

Ich denke, also bin ich hier falsch !
KlaraM
Dabei seit: 01.03.2013
Beiträge: 1770
Auch in der Schweiz haben nicht alle die Wahl, aber viele haben zumindest eine gewisse Wahlmöglichkeit. Oft wird auch nicht in der ganzen Familienzeit das gleiche Modell gewählt, sondern Anpassungen sind möglich, wenn es nicht (mehr) passt. Beispiel: Die Zahl der Mütter, die nach der Geburt des ersten Kindes Teilzeit arbeitet, ist viel höher als die, die es nach der Geburt des zweiten oder dritten Kindes tun. Das ist für mich der wahre Luxus unserer heutigen Zeit: Die Wahl-Möglichkeit.

Dazu gehört auch der Respekt vor Eltern, die andere Modelle wählen (oder leben müssen, weil sie keine Wahl haben). Kein Modell ist per se gut oder schlecht, alle haben Vor- und Nachteile, und keine Familiensituation lässt sich mit der andern vergleichen. Das Betreuungsmodell ist nur ein Faktor. Weder ist die Vollzeitmutter per se eine gute Mutter, noch ist die 100%-arbeitende Mutter eine schlechte. Gute und schlechte Mütter gibt es durchaus, bloss entscheidend sind da andere Faktoren.
Gamma2
Dabei seit: 29.05.2012
Beiträge: 128
Warum ist eine Mutter die 6 von 7 Tagen bei ihren Kindern ist nur eine vier Fünftel so gute Mutter, wie eine 7 von 7 Tagen bei den Kindern ist. Das passt irgendwie überhaupt nicht zu dem, was man im Rechnen so lernt.


Ah halt, ich sollte die Mutterliebe ja mit Deiner Formel berechnen:

6 Tage zu Hause - 1 Tag ausswärts = 4
Im Vergleich zu 7 Tage zu Hause - 0 Tage ausswärts =7
4 zu 7 gibt 4/5 ?????

Oder nimmst du nur die Werktage:
4 - 1 = 3
im Vergleich zu 5 - 0 = 5
3 zu 5 gibt 4/5 ????

Grübel, grübel...


[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 13.09.2015 um 22:29.]
KlaraM
Dabei seit: 01.03.2013
Beiträge: 1770
@Gamma

Ja, sie rechnet nur mit den Werktagen. Es wird ja dann gemeinhin auch von 100 %-Fremdbetreuung gesprochen, wenn das Kind an 5 Tagen die Woche von 8 - 17 Uhr in der Krippe ist. Das heisst, das Wochenende und die Zeit von 17 - 8 Uhr wochentags zählen irgendwie nicht. icon_confused.gif

Ist also eine Mutter an einem von 5 Werktagen ausser Haus berufstätig, ergibt das eine "4/5-Mutterliebe". Man könnte diesen Tag natürlich auch als "9 Stunden ausser Haus" betrachten, im Verhältnis zur Woche, die 168 Stunden hat, fällt das dann gar nicht mehr ins Gewicht. icon_smile.gif
Universum
Dabei seit: 13.05.2013
Beiträge: 1515
Wie wir unsere Aufgabe als Eltern erfüllt haben, das werden uns die Kinder dann sagen wenn sie erwachsen sind.

Versprich nichts, wenn Du glücklich bist.
Antworte nicht, wenn Du wütend bist
und triff keine Entscheidungen wenn Du traurig bist.

Autor unbekannt.
Gamma2
Dabei seit: 29.05.2012
Beiträge: 128
@KlaraM

Ja, wahrscheinlich meint sie das.

Das Dumme ist nur, dass Ihre Formel nicht mal zu dem passt, was sie meint. Mit der Formel würde man 3/5 und nicht 4/5 kriegen, weil man die auswärts gearbeiteten Tagen de Facto 2 Mal abzieht: an den Tagen, an denen man arbeitet ist man nicht zu Hause und arbeitet sogar noch. Die Zählen also gleich doppelt negativ.
Es wäre also besser, sich nicht zu Hause um die Kinder zu kümmern und in dieser Zeit aber nicht zu Arbeiten, dann würden die Kinder nämlich nur einfach und nicht gleich doppelt vernachlässigt icon_smile.gif

Bei solchen Dingen frage ich micht dann halt auch, ob der Rest des Textes wohl so da steht, wie er gemeint ist.


Blue64
Dabei seit: 20.08.2003
Beiträge: 1456
"Gamma2" schrieb:

Es wäre also besser, sich nicht zu Hause um die Kinder zu kümmern und in dieser Zeit aber nicht zu Arbeiten, dann würden die Kinder nämlich nur einfach und nicht gleich doppelt vernachlässigt!



*daumenhoch*icon_biggrin.gif

Ich denke, also bin ich hier falsch !
KlaraM
Dabei seit: 01.03.2013
Beiträge: 1770
@Gamma

Hast Recht, die Formel ist ein bisschen schief. Die Autorin nimmt diese Denkweise ja eh auf die Schippe, also spielt es im Detail keine grosse Rolle. Tatsache ist, dass die Mutterliebe sicher nicht weniger wird mit der Arbeit ausser Haus, sonst wäre es mit der Vaterliebe in vielen Familien ganz schlecht bestellt.
So, und jetzt muss ich zur Arbeit. Da die Kinder schon vor 1.5 Stunden aus dem Haus sind, wird die Mutterliebe nicht tangiert. *ironieoff*
Ümit Yoker
Dabei seit: 28.08.2015
Beiträge: 1
@Gamma2 @KlaraM

Zuerst einmal, danke für eure Kommentare und entschuldigt meine verspätete Reaktion. Es scheinen ja vor allem meine bescheidenen Rechenkünste zu reden gegeben zu haben - die ihr zu Recht anzweifelt. Aber bestimmt wisst ihr auch, dass es mir nicht ernsthaft um eine niet- und nagelfeste mathematische Formel ging, sondern darum, zu zeigen, wie absurd ich das Misstrauen von Müttern gegenüber anderen Müttern finde, nur weil diese ein anderes Modell des Familienlebens haben. Und es ärgert mich übrigens nicht nur, wenn berufstätige Frauen deshalb in die Kritik geraten, sondern ebenso, wenn Frauen, die zu Hause bei den Kindern bleiben, sich für ihren Entscheid rechtfertigen müssen.