Gewalt unter der Geburt

«wir eltern» Redaktion
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Dabei seit: 13.09.2016
Beiträge: 1
Liebe Leserinnen und Leser

Im Moment wird in den Medien immer öfters über das Thema «Gewalt unter der Geburt» berichtet. Auch die Basellandschaftliche Zeitung und «wir eltern» haben bereits über diese Thematik geschrieben:

https://www.wireltern.ch/artikel/news-gewalt-geburt-uebergriffe

Uns würde interessieren, ob Sie selber auch davon betroffen waren oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben?
Was verstehen Sie unter diesem Begriff und was müsste in unseren Spitälern geändert werden, damit es nicht zu solchen Übergriffen kommt?

Herzliche Grüsse aus der «wir eltern»-Redaktion
Fiorentina
Dabei seit: 11.01.2006
Beiträge: 18
Meine beiden Geburten liegen etwas mehr als 10 Jahre zurück und die Artikel über das Thema gehen mir sehr nahe. Ich bin froh, dass diese Thematik aufgearbeitet wird. Mit diesem Wissen hätte ich mich damals mehr und stärker gewehrt.

Das Schwierigste fand ich die Überheblichkeit der Hebammen. Nicht jede Frau kommt als völlig Unwissende ins Spital.

Beide Geburten waren über 12 Stunden lange, mehrere Hebammenwechsel. Ich bin mit einem Blasensprung ins Spital. Niemand hat mir geglaubt. Erst nach der Geburt hat man den Riss im Mutterkuchen gesehen.

Dann nach 12 Stunden Wehen nur noch einen Wunsch: eine PDA. Dann Hebammenwechsel, die Neue hat sich schwer getan mit diesem Wunsch. Dann Presswehen mit dem Kommentar abgeschmettert, dass man die mit PDA gar nicht spüren könne. Zehn Minuten bevor das Kind zur Welt kam, kam die Hebamme dann doch noch, weil wir einen Notruf losliessen.

Nach der Geburt bestand ich auf einem Gespräch mit der Hebamme: Ihre Sicht der Dinge? Sie hätte beim Wechsel in einer übernächtigten Situation die Führung übernehmen müssen. Ich fühlte mich durch ihre unsensible Art einfach nur überrollt!

Was müsste anders sein?
- Ich würde eine Geburt nur noch mit einer persönlichen Begleitperson Douala erleben wollen.
- Spitäler müssten von Frauen ein Feedback erbeten.
- Noch besser wäre es, wenn Frauen ein paar Wochen nach der Geburt mit der Hebamme und einer geschulten Person nochmals über die Geburt sprechen könnten. Freiwillig. Bei mir war bei diesem Gespräch die Hebammen-Chefin dabei, die mir nochmals das Gefühl vermittelt hat, es sei alles bestens verlaufen...

Madruna
Dabei seit: 25.04.2011
Beiträge: 381
Ich bin Hebamme und arbeite seit mehr als 20 Jahren in diesem Beruf. Zur Zeit arbeite ich in einem Spital, in dem es gehäuft solche Momente gibt, die man unter „Gewalt unter der Geburt“ einordnen kann. Vor allem die psychische Gewalt, wie von Fiorentina beschrieben.
Ich erlebe, das Hebammen zu sehr bestimmend sind, die Frauen entmündigen, und gegen die Ärzte einen Konkurrenzkampf führen.
Mich erschreckt, dass die Schwangeren mit diesem Wissen zur Geburt kommen, dass von Seiten der Hebammen Macht und Bestimmung ausgeübt wird, gerade auch wenn es um die Schmerzmedikation geht.
Bis vor kurzem habe ich in einem anderen Spital gearbeitet, da war dem nicht so. Die werdenden Eltern wurden wertgeschätzt und ihren Wünschen und Bedürfnissen wurde entsprochen, sofern ethisch und medizinisch vertretbar.
Aber auch dort gab es Situationen von Gewalt unter der Geburt. Dies dann eher von der medizinischen Seite her, dass den Frauen einen Dammschnitt gemacht wurde, obwohl sie dies gar nicht wollten oder grob untersucht wurde. Das waren zwei Ärzte von vielen.
Leider kommt es öfters vor, dass eine Frau traumatisiert ist von einer vorangegangenen Geburt. Dem Partner geht es meistens dann auch so.

Es gibt auch viele Hebammen, die sehr gute Arbeit leisten und die werdenden Eltern dort abholen, wo sie stehen mit ihren Ängsten, Wünschen und Vorstellungen, ebenso Ärzte.

Aber jede dramatisierende Geburt, jede Gewalt, jedes Umgehen von Schmerzmitteln gegen den Willen der gebärenden Frau ist verwerflich und zu beanstanden.
yucca
Dabei seit: 08.02.2007
Beiträge: 3069
Ein Naturarzt hat mir einmal gesagt dass ein Frauenarzt gar nicht nachvollziehen und wissen kann, was eine Frau fühlt/spührt und empfindet. Deshalb sei er überzeugt, dass Frau bei einer Frauenärztin besser aufgehoben sei.
Ich war früher auch bei Frauenärzte, heute gehe ich zu einer Ärztin und finde den Unterschied wirklich krass. Was aber nicht heisst, dass die beiden Ärzte nicht kompetent/gut waren. Ich stelle fest, dass das Wesen und Einfühlungsvermögen bei einer FA sich wesentlich unterscheidet.

Zum Thema Gewalt unter der Geburt, kann ich nichts sagen, ich hatte bei beiden Geburten eine Beleghebamme. Bei der ersten Geburt, welche ein geplanter Kaiserschnitt war, wegen Steisslage, war sie dabei. Bei der zweiten Geburt, bei der ich sehr lange Wehen hatte, traf sie 2 Stunden nach mir im Spital ein und wich über 11 Stunden nicht von unserer Seite.
Ich hatte aber nach dem Kaiserschnitt im Wochenbett eine Schwester die sehr böse war, die mich und andere Wöchnerinnen erniedrigt hat. Ich geriet schon in Panik wenn diese Hexe das Zimmer betrat, was zur folge hatte, dass ich vorzeitig das Spital verlassen habe.

[Dieser Beitrag wurde 2mal bearbeitet, zuletzt am 02.05.2018 um 08:39.]

Auch aus Steinen, die in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
Fiorentina
Dabei seit: 11.01.2006
Beiträge: 18
@Madruna
Du hast es in meinen Augen sehr gut auf den Punkt gebracht. Ich denke, dass in meiner Situation auch ein Konflikt Hebamme-Ärzte bestand.

Ich kann mir vorstellen, dass es für dich nicht immer einfach ist, mitzubekommen, was nicht gut läuft. Vielen Dank für deine Offenheit!
GabrielaA
Dabei seit: 18.10.2002
Beiträge: 5615
Ich hätte auch meine Hebamme mitnehmen können. Nur kannte ich keine.

Beim ersten Kind war ich auch über 12 Stunden in den Wehen. Bei mir lief Fruchtwasser aus, worauf mir geraten wurde, sofort zu kommen. Als die Wehen nicht stärker wurden, musste ich eine ganz steile Strasse in die Stadt laufen. Mir war aber so übel, dass ich mich mitten in der Stadt übergeben musste. War mir das peinlich.

Die erste Gebannte fragte immer, ob ich sicher sei, dass das wirklich Fruchtwasser sei...

Es gab dann Wechsel, und die zweite Hebamme war super.

Bei der zweiten Geburt wollte ich von Anfang an eine PDA. Doch die Hebamme weigerte sich. Und auch der Arzt lehnte es im voraus ab.

Als ich dann in die Badewanne wollte, lehnte sie dies auch ab. Sie sei selbst schwanger und könne mich nicht heraus heben. Mein Mann wäre aber dabei gewesen.


Als ich sehr starke Wehen und Schmerzen hatte und stöhnte, lachte sie hämisch. Ich solle mich nicht so anstellen....

Zum Glück dauerte das ganze nur etwa 3 Stunden. Als Gewalt würde ich dies nicht bezeichnen, aber auch nicht als nette Person.

Leider konnte die erste Hebamme nicht dabei sein, aus familiären Gründen. Aber ich trage kein Trauma davon.
Madruna
Dabei seit: 25.04.2011
Beiträge: 381
Fiorentina, dass tut mir leid, dass du das so erlebt hast. Deine Geschichte steht sinngemäss für viele.
Gerade diese Woche habe ich das auch erlebt mit dem Wunsch nach ei er PDA.
Um ein Gespräch nach der Geburt zu fordern, braucht es von seiten der Frau viel Mut und Kraft, in einer unpassenden, sensiblen und fragilen Zeit, dem Wochenbett (6-8Wochen dauernd).
Wird die Frau da abermals nicht ernstgenommen, ist das äusserst schlimm.

Als ich vor 29 Jahren die Ausbildung startete, war nach der Begrüssung die erste Information:
Die Frauen werden den Namen der Hebamme eventuell vergessen.
Aber sie werden noch mit 80 Jahren wissen, ob sie eine liebe Hebamme hatten oder eine böse.
Via
Dabei seit: 06.05.2009
Beiträge: 145
Die Geburt meines ersten Sohnes war eine Katastrophe ... ich musste einleiten, aufgrund einer Schwangerschaftsvergiftung. Ich entwickelte keine Wehen und die "künstlichen" waren zu wenig für eine Geburt. Es ging nicht vorwärts. Da über die Feiertage zu wenig Personal im Dienst war, passierte nichts ... morgens bekam ich Wehenmittel ... nachts wurde es eingedämmt ... morgens wieder Wehenmittel! 3 Tage lang ... ich war am Anschlag ... konnte nicht schlafen ... hatte Schmerzen ... immer wieder Wehen. Die Blutwerte aufgrund der Vergiftung katastrophal ... auf die Medikamente reagierte ich mit Nebenwirkungen.
Am 4. Tag wollte ich davon laufen ... ich packte ... sagte, dass ich das nicht mehr mitmache ... ich war kaum ansprechbar und nahm nicht wirklich wahr, was ich machte! An diesem Tag hatte mein Frauenarzt Dienst. Er wusste natürlich, dass ich eine Schwangerschaftsvergiftung hatte und hat angeordnet, dass die Geburt sofort eingeleitet werden muss, sollten sich die Werte über die Feiertage verschlechtern. Als er mich sah, war er ausser sich vor Wut! Er hat mir versprochen, dass mein Kind an diesem Tag noch auf die Welt kommt - zur Not per Kaiserschnitt.
Ich willigte ein, dass ich bleibe und mein Kind gebäre ... es ging weitere 5 Stunden mit starken Wehen. Da ich vorher schon am Anschlag war, hatte ich einfach keine Kraft mehr und habe um eine PDA gebeten. Es dauerte 2 weitere Stunden bis ich endlich eine PDA bekam. Nach weiteren 2 Stunden und 13 verschiedenen Hebammen kam dann mein Sohn auf die Welt. Sterngucker, musste mit Glocke geholt werden, man hat einen Dammschnitt gemacht, gerissen hat es auf die andere Seite (Dammschnitt hat nichts gebracht) und ich dachte, dass nun alles vor rüber ist ... aber es ging erst so richtig los!
Ich konnte nicht stillen bzw. mein Sohn nicht trinken ... meine Brust hat geblutet, geschmerzt und war endzündet. Die eine Krankenschwester meinte, dass ich unbedingt immer jemanden brauche, der mir hilft beim Ansetzen. Als ich nachts klingelte und um Hilfe bat, hatte sie keine Zeit und meinte, ich solle die Brust nehmen, mit der ich es alleine könne. Als ich sie darauf ansprach, dass man mir gesagt hat, dass ich unbedingt wegen der Entzündung abwechseln muss und Hilfe anfordern soll, meinte sie nur, dass sie gerade keine Zeit hätte. Am Morgen wurde ich dann wieder doof angemacht, weil ich mir keine Hilfe geholt habe und die Brust wieder blutete. So könne ich nicht stillen. Ich wurde dann gezwungen abzupumpen. Ich wollte die Flasche für meinen Sohn. War gesundheitlich total am Anschlag. Konnte mich nach der Geburt nicht erholen. Aber ich bekam keine Flasche/Milch nur das Abpumpgerät. Ohne Einführung. Ich entwickelte eine Depression. Weinte nur noch. Keiner hat mich ernst oder wahrgenommen. Alle sahen darüber hinweg. Es war für mich der absolute Alptraum.
Dann bekam ich einen Eisenmangel und diverse andere gesundheitliche Probleme.
Mein Sohn schrie immer, sobald man ihm die Kleider auszog und ihn wickeln oder baden wollte. Er schrie wie am Spiess. Die Hebammen / Krankenschwestern sagten immer, dass ich etwas falsch mache. Es könne nicht sein, dass das Kind so schreie. Eines Morgens nahm mir die Krankenschwester das Kind weg und meinte, sie zeige mir nun, wie man das Kind richtig wickeln würde. Aber mein Sohn hat auch bei ihr geschrien wie am Spiess!
Meine Depression wurde schlimmer und schlimmer ... mein Sohn bekam Gelbsucht ... wir waren schon über 10 Tage im Spital. Ich hatte immer noch zu viel Wasser von der Vergiftung und meine Blutwerte waren immer noch nicht gut - deshalb konnte ich nicht entlassen werden. Ich entliess mich dann selber ... konnte einfach niemanden mehr sehen.

Ich ging mit meinem Kind nach Hause ... tief traumatisiert von der Geburt! Ich bekam keine Hilfe, keine Hebamme für zu Hause! Nichts.

Eigentlich habe ich das ganz gut weggesteckt. Viel später habe ich dann den Grund erfahren, wieso mein Sohn nicht gestillt werden konnte und wieso er so viel anders war als andere Kinder. Mein Sohn war schwer mehrfachbehindert. Hatte extreme Wahrnehmungsstörungen (deshalb schrie er beim Wickeln/Baden).
Zuerst war der Verdacht, dass er die Behinderung aufgrund der katastrophalen Geburtsbedingungen hatte. Aber es war nicht so. Mein Sohn leidet an einem Gendefekt.

Ich finde, man sollte im Spital einfach ein bisschen mehr auf die Patienten eingehen.

Bei der Geburt meines zweiten Sohnes war die Betreuung im Spital nicht viel besser. Nur war ich viel bestimmter und wusste ganz genau, was ich wollte und was nicht. Auch meinen zweiten Sohn konnte ich nicht stillen, habe mich aber geweigert abzupumpen. Ich bekam nach 8 Stunden (!!!) endlich einen Shoppen für ihn! Mit den Wochenbettdepressionen, die ich auch wieder bekommen habe, konnte ich viel besser umgehen. Aber auch bei der zweiten Geburt bekam ich keine Hilfe und keine Hebamme für zu Hause!

Bei meiner Tochter habe ich das Shoppen-Pulver gleich selber mitgenommen. Sie kam per Kaiserschnitt zur Welt und obwohl das die schönste Geburt war und ich keine Depressionen hatte, hat man mich im Spital darauf angesprochen! Man fragte mich: denken Sie, dass sie Depressionen haben? Ich hätte mir gewünscht, dass mich das jemand gefragt hätte, bei den Geburten der Jungs! Aber ich dachte mir, wenigstens hat man in der Zwischenzeit dazu gelernt im Spital! Aber auch bei meiner Tochter habe ich keine Hilfe bekommen, keine Hebamme für zu Hause und das obwohl ich zu Hause zusätzlich einen schwer mehrfachbehinderten Sohn zu betreuen hatte!

Und trotz allem ... wenn ich könnte, würde ich noch mehr Kinder bekommen icon_smile.gificon_smile.gificon_smile.gif
Madruna
Dabei seit: 25.04.2011
Beiträge: 381
Es ist sehr schlimm, wenn sich eine Frau in solchem Ausmass traumatisiert fühlt und sich das bei einer zweiten und dritten Geburt wiederholt, indem die Betreuung im Spital schlecht ist.
Das ist aber nicht die Regel. Vor einer nächsten Geburt thematisieren die betroffenen Frauen dies beim Arzt und auch der Hebamme. Alle Fachpersonen sind in einem solchen Fall sehr bemüht, dass sich für die Frau eine solche Traumatisierung nicht wiederholt.
Einige Frauen wechseln das Spital, andere wählen eine Beleghebamme, welche sie zur Geburt ins Spital begleitet und zu Hause weiter betreut. Wieder andere suchen sich bereits vor der Geburt oder zumindest danach eine Hebamme für die ambulante Wochenbettbetreuung zu Hause. Letztere wird einer Frau nicht verwehrt. Es steht den werdenden Eltern frei, sich frühzeitig eine Hebamme zu suchen. Diese arbeitet auf selbständiger Basis und ist unabhängig vom Spital. Auf ärztliche Verordung und in diesem Sinne Wunsch der Frau können wir die Anzahl der Besuche erhöhen.
mercedes
Dabei seit: 14.02.2002
Beiträge: 457
Meine Söhne kamen beide mit Kaiserschnitt auf die Welt, jeweils zu früh (Schwangerschaftsvergiftung). Beim 1. Sohn konnte ich nicht stillen, beim 2. Sohn wollte ich nicht stillen. Ich habe die Hebammen als sehr dominant erlebt. Sie redeten mir ein, eine schlechte Mutter zu sein, weil ich nicht stille. Zweimal hatte ich in der SS Ärztinnen als Ferienvertretung von meinem FA. Diese habe ich ebenfalls in sehr schlechter Erinnerung. Sie waren nicht kritikfähig, sehr dominant, hatten kein Einfühlungsvermögen und waren auch noch inkompetent. Ich bevorzuge klar einen Frauenarzt, kann mit Ärztinnen nichts mehr anfangen. Mein persönliches Trauma.